Verbandelt

Daniel von Walther

Eigentlich hatte ich mir nichts dabei gedacht. Ein Gefallen. Eine gute Tat. Mehr nicht. Nicht mehr wollte wohl auch Toni nicht in diesem ersten Moment. Aber wie das so ist, kommt dann eines zum anderen. Toni erzählte seinem Onkel davon, der auch gleich einen alten Geschäftspartner kannte, der auch einen Gefallen benötigte. Klar, dass das nur im Voraus wäre und wenn das Geschäft erst liefe, so sagte er, würde es sich für mich auch bezahlt machen. Nun: Das Geschäft lief scheinbar nie. Dafür erzählte der Geschäftspartner wiederum anderen von meinem Gefallen, die einfach auch darauf hofften, dass mein gutes Wesen auch bei Ihnen helfen könnte und so tat ich auch für diese einen Gefallen, was sich letztendlich auch als vorteilhaft erwies, denn die Tochter eines der Geschäftsfreunde des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, die ich bei einem Termin in dessen rustikalen Geschäftsräumen kennenlernte, wurde alsbald meine Lebensabschnittsgefährtin. Dieser Abschnitt war nicht lang, aber intensiv. Wodurch er zu Ende ging, konnte ich nicht ganz erklären. Es verlebte sich. Aus meiner Sicht. Aber aus Luisas Sicht war ich Schuld. Alleinig. Und da ich eigentlich auch niemanden von ihren Leuten oder den Geschäftspartnern ihres Vaters kannte, um meine Sicht der Dinge zu schildern, kam auch bald ein Anruf vom Geschäftsfreund des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, der das alles nicht in Ordnung fand, was ich da Luisa angetan hatte. Wie auch immer, sagte er nach meiner Schilderung, sieht er da die Möglichkeit Gras über die Sache wachsen zu lassen, wenn ich denn bereit wäre, einem Freund einen Gefallen zu tun.

 

Der Freund, ein Mann, der offiziell in Versicherungen machte, sagte mir auch gleich im ersten Gespräch, dass er ja so froh sei, dass der Geschäftsfreund des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, also Luisas Vater, ihm den Gefallen tun würde, sich für das was ich für ihn tuen würde, erkenntlich zu zeigen. Eigentlich, dachte ich, könnte ich mich einfach nicht mehr melden, aber ich hatte Luisas Verwandtschaft gesehen und wollte diesen einen letzten Gefallen dann noch erfüllen. Was sollte schon passieren?

 

Nun, scheinbar empfahl ich mich mit meiner Gründlichkeit für weitere Aufgaben. Der Freund von Luisas Vater kannte da einen, der hatte ein paar Probleme mit jemandem und die könnten gelöst werden, wenn ich ihm doch einen Gefallen tun würde. Ich lehnte ab, doch Luisas Bruder überzeugte mich bei einer Tasse Kaffee, doch noch diesen einen Gefallen zu tun. Der, für den ich diesen Gefallen tat, lernte ich nie kennen, aber dafür einige andere. Hünenhafte Gestalten, die für ihn ebenfalls Gefallen taten und die mir Briefe mit weiterem Material für den Gefallen brachten, oder die Briefe mit den meinerseits gewonnenen Erkenntnissen mitnahmen. Auch hier schien ich der Mann für kleine Gefallen zu sein, und tat den Hünen, den scheinbar festen Mitarbeitern des Bekannten des Freundes von Luisas Vater, den ein oder anderen Gefallen. Freizügige Bilder der Schwester aus dem Netz entfernen und vorher herausfinden, wo der Rechner stand, von dem die Bilder ins Netz gestellt wurden. Kleinere Sachen halt. Und oft bedankten sich die Schwestern auch noch bei mir, sodass es hier sogar mal Belohnungen gab, die nicht monetärer Art waren. Monetär war sowieso nicht mehr das Problem, da in den Briefen, die mir die Hünen brachten, auch immer noch Geld war, womit ich nun gemütlich über die Runden kam.

 

Allerdings hätte ich von dem Geld wohl etwas zurücklegen sollen, denn meine Ausgaben stiegen erheblich in die Höhe, als ich eines Tages mich gezwungen sah, meine Wohnung zu renovieren. Gesehen hatte ich sie nicht, die meine Wohnung auseinander nahmen, aber ich sollte sie – wahrscheinlich aber nur Kollegen von ihnen – bald kennenlernen, als sie mich persönlich in der renovierten Wohnung antrafen, an meinen Sessel fesselten und fragten, was mir denn einfiele und für wen ich diese Gefallen täte. Die Beschreibung, dass es ein Bekannter des Freundes des Geschäftsfreundes des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel war, reichte ihnen aber nicht aus, um mich loszubinden, sodass ich nun auch gezwungen war, für sie Erkundigungen einzuholen, die wesentlich unverhohlener formuliert waren als die, die ich sonst so bekam.

 

Und auch von der mit meinen Erkundigungen erlangten Beute bekam ich nichts zu sehen, als sie mich nach dem erfolgreichen Coup besuchen kamen, um mich um einen weiteren Gefallen zu bitten. Meine Arbeit an diesem Gefallen wurde allerdings jäh unterbrochen, als eine Spezialeinheit der Polizei meine Tür sprengte, mich mitsamt meines Stuhles auf den Boden warf, mich noch über meine Rechte aufklärte und dann in eine kleine Zelle im Keller des städtischen Polizeireviers warf. Allerdings – irgendwie tat mir der Kommissar bei dem erkenntnisfreien Verhör leid – war ich wohl nicht so die Hilfe dabei, den Namen des Bekannten des Freundes von Luisas Vater, herauszufinden.

 

So wurde mir gestattet in meine – noch nicht wieder erneut renovierte – Wohnung zurückzukehren, um dort im Auftrag der Polizei mehr über die Identität derer, für die ich Gefallen tat, herauszubekommen. Meine notdürftig verbarrikadierte Tür sorgte für einige Erheiterung beim Besuch der Hünen, die mit mir meine Entlassung aus der Untersuchungshaft feiern wollten. Doch das Gejohle der Kollegen von denen, die der Grund für die erste Wohnungsrenovierung waren, die ebenfalls zu Besuch kamen, ließ die Feierlaune schlagartig gefrieren und sorgte für hektische Wortgefechte in meiner Wohnung, welche ein Ende fand, als auch noch die Spezialeinheit der Polizei wieder zu Besuch kam, die das Treffen von Hünen und Wohnungsdemoliererkollegen nutzen wollte, um nützlichere Zeugen zu finden um die Identität des Bekannten des Freundes des Geschäftsfreundes des Geschäftspartners von Tonis Onkel herauszufinden.

 

Zu meinem Nachteil stolperte ein Mitglied der Spezialeinheit über ein Brett, das vor wenigen Minuten noch die Tür verbarrikadierte und löste einen Schuss aus, der auch alle anderen für mich überraschenderweise bewaffneten Personen im Raum dazu veranlasste zu schießen. Was mich da traf, und aus wessen Waffe es genau kam, kann ich gar nicht sagen. Nur, dass es ein glatter Treffer genau zwischen die Augen war, der mich sofort tötete. Das hatte allerdings auch was Gutes: Ab jetzt keine Gefallen mehr!