Ein Anfang

„Das ist schon ein Risiko, was wir da eingehen würden.“, sagte sie schüchtern den Blick auf den Boden gerichtet.
Aber es kann auch klappen.“, antwortete ich. „Es klingt zwar abgedroschen, aber wer etwas riskiert, kann verlieren. Wer nichts riskiert hat schon verloren.“
„Ja.“
„Ja?“
„Ja, das ist abgedroschen.“

 

Sie blickte kurz auf und sah mir in die Augen, wandte den Blick dann aber sofort wieder ihren Fußspitzen zu. Ein unbehagliches Schweigen lag in der Luft. Die Unsicherheit war uns beiden anzumerken und auch wenn ich den Schritt gewagt hatte, das anzusprechen, was mir schon so lange wie ein Stein auf der Seele lag, so fühlte ich mich nun kein Stück wohler. Unausgesprochen war das alles noch so fern. So eventuell. Damit konnte man leben. Doch nun war es raus und lag zwischen uns wie ein unbekanntes Kind. Mit jeder Sekunde, die das Schweigen länger im Raum stand wurde es unangenehmer. Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Meine Gedanken waren wie leer, nachdem es nun ausgesprochen war. Dafür hatte sie umso mehr Gedanken, in denen sie nun versunken war. Man sah ihr förmlich an, wie sie all die Risiken innerlich mit ihren Hoffnungen hin und her wog.

 

„Was, wenn es schief geht?“, fragte sie mich leise und ohne dabei den Blick von ihren Füßen abzuwenden.
„Warum sollte es das?“
„Weil solche Dinge immer schief gehen.“

 

Darauf wusste ich nichts zu sagen. Sicher läuft nicht immer alles nach Plan. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aber für mich war das eigentlich nie ein Problem. Sie war schon immer viel nachdenklicher und überlegter als ich. Zögern und erst noch mal innehalten war ihr Gebiet. Ich hatte sie schon so kennengelernt, wie sie jetzt vor mir auf dem Sofa saß. Schüchtern, nachdenklich und unschlüssig darüber, was wohl das Beste sei. Solang ich sie kannte, hatte sie nie eine neue Frisur probiert. Nie sich für eine andere Arbeitsstelle beworben, obwohl bei ihrer jetzigen die Kollegen sie schnitten und herumschubsten. Kein Risiko eingehen durch die Befürchtung, es könnte ja noch schlimmer werden.

 

„Und wenn es diesmal nicht schief geht?“, brach ich die wieder drückender werdende Stille. „Es hat doch bisher auch gut geklappt. Warum nicht einen weiteren Schritt gehen?“
„Eben weil es bisher so gut geklappt hat. Das will ich nicht verlieren.“
„Wirst du nicht. Ich bleib bei dir.“
„Das kannst du gar nicht wissen. Erstens kommt es…“
, sie verstummte.
„Wie?“
„Ja, nein. Ist abgedroschen.“
„A‘so.“

 

Ich fragte nicht weiter nach. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nicht weiterreden würde. Willen hatte sie. Einmal entschlossen war sie kaum zu erweichen. Umso froher war ich, dass sie mich nicht sofort weggeschickt hatte und scheinbar darüber nachdachte, statt es kategorisch auszuschließen. Sie saß dort auf dem Sofa. Den Blick immer noch  auf die Zehenspitzen gerichtet, hing sie ihren Gedanken nach. Still und schüchtern und mir blieb nur hilflos daneben zu stehen. Wenn ich ihr doch nur einen Schubs in meine Richtung geben könnte. Doch niemand kann jemanden zu sich schubsen. Schubsen kann man nur von sich weg. In diesen Situationen muss man warten, dass der andere den Schritt wagt. Oder eben nicht. Aber warten – das war nicht meine Stärke.

 

„Was denkst du?“, fragte ich.
„Nichts.“

 

„Bloß nichts überstürzen“, dachte ich. Wenn ich jetzt zu viel will, wenn ich es überstürze, dann wird sie nicht mehr lange überlegen. Und ich mich allein davon machen müssen.

 

„Jetzt sag doch was.“, platze es unbeherrscht aus mir hervor.

 

Aber sie blickte nur weiter auf den Boden. In Gedanken scheinbar völlig woanders und doch ganz bei mir. Die drückende Stille schien sie nicht zu interessieren. Ich, die Stille sehr wohl beachtend, sah in diesem Moment, dass es so nicht weiter ging, strich die Segel und ergab mich.

 

„Okay, dann…“ Ich hielt kurz inne.
„Lass uns was machen. Was spielen. Spielen wir Rommé.“

 

Doch sie ließ sich auch davon nicht erweichen. Sie saß da und blickte vor sich hin. Ich konnte nur hilflos daneben stehen. Wusste nicht, was ich tun sollte, um aus dieser Situation herauszukommen, in der ich uns gebracht hatte. Jetzt bereute ich es, dieses Thema angesprochen zu haben. Nun hatte ich alles verdorben. Alles zerstört. Sie würde erst noch nett zu mir sein, aber dann mehr und mehr Abstand suchen, um mich durch ihre Nähe nicht zu verletzen. Sie würde das für das Beste halten und ich würde daran zu Grunde gehen. Wie konnte mir nur dieser Fehler unterlaufen? Es lief doch alles so gut. Alles war schön, aber nein – ich wollte ja unbedingt noch mehr. Noch mehr von ihr, noch mehr vom wir. Und nun würde ich ohne etwas dastehen. Ohne wir. Ohne sie.

 

„Nein“, unterbrach sie meine Gedanken. „Nein, wir können jetzt nicht Karten spielen. Wir müssen das klären.“

 

Jetzt war ich es, der stumm da stand. Regungslos, sie völlig verdattert anstarrend, die nun nicht mehr den Boden, sondern mir entschlossen entgegen blickte.

 

„Du hast völlig recht. Da ist mehr. Da ist ein wir. Da ist auch ein Risiko, ja. Aber wo ist das nicht. Und warum sollte das hier schief gehen?“
„Ich weiß nicht.“, löste ich mich aus meiner Starre.
„Und ich weiß es auch nicht.“
„Vielleicht müssen wir einfach drauf hoffen, dass es eben nicht schief geht.“
„Oder stetig daran arbeiten. Als Team.“
„Als wir.“

 

Ich schaute ihr tief in die Augen und sah dort diese tiefe Verbundenheit, die ich schon so oft in ihren Augen gefunden hatte. Ich ging auf sie zu und nahm ihre Hand.

 

„Meinst du, das wird was?“
„Ich denke, wir sollten einen Anfang wagen. Den Anfang zu etwas Neuem, noch Besseren.“

 

Sie stand auf, kam so nah an mich heran, wie es eben nur ging, legte den Kopf auf meine Schulter und flüsterte:

 

„Ja. Das denke ich auch.“