Traumpaar – FSK 18

Ein kleiner Fuchs war einmal bei einer Versammlung eingeschlafen. Daraufhin beschlossen die anderen Tiere ihn kurzerhand zu ermahnen, indem sie seine Fuchsfrau mit einem Handrasierapparat verkuppelten. Jedoch erwachte der kleine, süße Dachs, der ebenso gerne die Augen schloß und Waldtierversammlungen nackt besuchte, ohne jegliches Schamgefühl schnarchte, sowie dabei pausenlos pöbelte. Er sah, dass sich zwischen Handrasierapparat und Fuchsfrau bereits ein Techtelmechtel anbahnte und so seine Chancen, endlich das Herz der Fuchsfrau zu erobern, reduzierten. Wenn er jetzt nichts tun würde, wäre es aus mit der Liebe zwischen Fuchsfrau und Dachs, noch ehe sie entstanden wäre. Gegen den Handrasierapparat, immer und überall perfekt getrimmt, würde er keine Chance haben. Er war mit seinen fünf Jahren nun auch nicht mehr der Jüngste und die Garantieleistung für den Handrasierapparat lief auch noch eine halbe Ewigkeit.

 

Also beschloß er, seine Chance zu nutzen. Bewegte sich plump, wie das eben nur so geht als Dachs, auf die Fuchsfrau zu, bis er – nackt wie der Waldgeist ihn schuf – vor ihr stand. In diesem Moment fiel ihm auf, dass er vergessen hatte sich zu überlegen, was er sagen wollte. So stand er da. Sie guckte fragend, die Krupp-Klingen des Handrasierapparats grinsten ihn gewinnend an.

 

„Dachshaar? Von gestern!“, provozierte ihn der Handrasierapparat und auf einmal wusste der Dachs, was er sagen sollte, denn pöbeln – das konnte er.
Ach, du weißt doch gar nicht, was gut ist. Dein schamloses, blank poliertes Etwas ist doch nichts weiter als eine völlig seelenlose Leinwand.“
„Was weißt du denn schon von Leinwänden mit deinen alles einnehmenden Borsten?“

 

Die Fuchsfrau stand beschämt daneben, wandte sich alsbald ab und ohne Publikum verloren auch Dachs und Handrasierapparat die Lust sich weiter anzupöbeln.

 

Und wenn der kleine Fuchs nicht gestorben ist, dann schläft er noch heute.


Entstanden in Zusammenarbeit mit zwei Ghostwriterinnen.

Verbandelt

Eigentlich hatte ich mir nichts dabei gedacht. Ein Gefallen. Eine gute Tat. Mehr nicht. Nicht mehr wollte wohl auch Toni nicht in diesem ersten Moment. Aber wie das so ist, kommt dann eines zum anderen. Toni erzählte seinem Onkel davon, der auch gleich einen alten Geschäftspartner kannte, der auch einen Gefallen benötigte. Klar, dass das nur im Voraus wäre und wenn das Geschäft erst liefe, so sagte er, würde es sich für mich auch bezahlt machen. Nun: Das Geschäft lief scheinbar nie. Dafür erzählte der Geschäftspartner wiederum anderen von meinem Gefallen, die einfach auch darauf hofften, dass mein gutes Wesen auch bei Ihnen helfen könnte und so tat ich auch für diese einen Gefallen, was sich letztendlich auch als vorteilhaft erwies, denn die Tochter eines der Geschäftsfreunde des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, die ich bei einem Termin in dessen rustikalen Geschäftsräumen kennenlernte, wurde alsbald meine Lebensabschnittsgefährtin. Dieser Abschnitt war nicht lang, aber intensiv. Wodurch er zu Ende ging, konnte ich nicht ganz erklären. Es verlebte sich. Aus meiner Sicht. Aber aus Luisas Sicht war ich Schuld. Alleinig. Und da ich eigentlich auch niemanden von ihren Leuten oder den Geschäftspartnern ihres Vaters kannte, um meine Sicht der Dinge zu schildern, kam auch bald ein Anruf vom Geschäftsfreund des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, der das alles nicht in Ordnung fand, was ich da Luisa angetan hatte. Wie auch immer, sagte er nach meiner Schilderung, sieht er da die Möglichkeit Gras über die Sache wachsen zu lassen, wenn ich denn bereit wäre, einem Freund einen Gefallen zu tun.

 

Der Freund, ein Mann, der offiziell in Versicherungen machte, sagte mir auch gleich im ersten Gespräch, dass er ja so froh sei, dass der Geschäftsfreund des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel, also Luisas Vater, ihm den Gefallen tun würde, sich für das was ich für ihn tuen würde, erkenntlich zu zeigen. Eigentlich, dachte ich, könnte ich mich einfach nicht mehr melden, aber ich hatte Luisas Verwandtschaft gesehen und wollte diesen einen letzten Gefallen dann noch erfüllen. Was sollte schon passieren?

 

Nun, scheinbar empfahl ich mich mit meiner Gründlichkeit für weitere Aufgaben. Der Freund von Luisas Vater kannte da einen, der hatte ein paar Probleme mit jemandem und die könnten gelöst werden, wenn ich ihm doch einen Gefallen tun würde. Ich lehnte ab, doch Luisas Bruder überzeugte mich bei einer Tasse Kaffee, doch noch diesen einen Gefallen zu tun. Der, für den ich diesen Gefallen tat, lernte ich nie kennen, aber dafür einige andere. Hünenhafte Gestalten, die für ihn ebenfalls Gefallen taten und die mir Briefe mit weiterem Material für den Gefallen brachten, oder die Briefe mit den meinerseits gewonnenen Erkenntnissen mitnahmen. Auch hier schien ich der Mann für kleine Gefallen zu sein, und tat den Hünen, den scheinbar festen Mitarbeitern des Bekannten des Freundes von Luisas Vater, den ein oder anderen Gefallen. Freizügige Bilder der Schwester aus dem Netz entfernen und vorher herausfinden, wo der Rechner stand, von dem die Bilder ins Netz gestellt wurden. Kleinere Sachen halt. Und oft bedankten sich die Schwestern auch noch bei mir, sodass es hier sogar mal Belohnungen gab, die nicht monetärer Art waren. Monetär war sowieso nicht mehr das Problem, da in den Briefen, die mir die Hünen brachten, auch immer noch Geld war, womit ich nun gemütlich über die Runden kam.

 

Allerdings hätte ich von dem Geld wohl etwas zurücklegen sollen, denn meine Ausgaben stiegen erheblich in die Höhe, als ich eines Tages mich gezwungen sah, meine Wohnung zu renovieren. Gesehen hatte ich sie nicht, die meine Wohnung auseinander nahmen, aber ich sollte sie – wahrscheinlich aber nur Kollegen von ihnen – bald kennenlernen, als sie mich persönlich in der renovierten Wohnung antrafen, an meinen Sessel fesselten und fragten, was mir denn einfiele und für wen ich diese Gefallen täte. Die Beschreibung, dass es ein Bekannter des Freundes des Geschäftsfreundes des alten Geschäftspartners von Tonis Onkel war, reichte ihnen aber nicht aus, um mich loszubinden, sodass ich nun auch gezwungen war, für sie Erkundigungen einzuholen, die wesentlich unverhohlener formuliert waren als die, die ich sonst so bekam.

 

Und auch von der mit meinen Erkundigungen erlangten Beute bekam ich nichts zu sehen, als sie mich nach dem erfolgreichen Coup besuchen kamen, um mich um einen weiteren Gefallen zu bitten. Meine Arbeit an diesem Gefallen wurde allerdings jäh unterbrochen, als eine Spezialeinheit der Polizei meine Tür sprengte, mich mitsamt meines Stuhles auf den Boden warf, mich noch über meine Rechte aufklärte und dann in eine kleine Zelle im Keller des städtischen Polizeireviers warf. Allerdings – irgendwie tat mir der Kommissar bei dem erkenntnisfreien Verhör leid – war ich wohl nicht so die Hilfe dabei, den Namen des Bekannten des Freundes von Luisas Vater, herauszufinden.

 

So wurde mir gestattet in meine – noch nicht wieder erneut renovierte – Wohnung zurückzukehren, um dort im Auftrag der Polizei mehr über die Identität derer, für die ich Gefallen tat, herauszubekommen. Meine notdürftig verbarrikadierte Tür sorgte für einige Erheiterung beim Besuch der Hünen, die mit mir meine Entlassung aus der Untersuchungshaft feiern wollten. Doch das Gejohle der Kollegen von denen, die der Grund für die erste Wohnungsrenovierung waren, die ebenfalls zu Besuch kamen, ließ die Feierlaune schlagartig gefrieren und sorgte für hektische Wortgefechte in meiner Wohnung, welche ein Ende fand, als auch noch die Spezialeinheit der Polizei wieder zu Besuch kam, die das Treffen von Hünen und Wohnungsdemoliererkollegen nutzen wollte, um nützlichere Zeugen zu finden um die Identität des Bekannten des Freundes des Geschäftsfreundes des Geschäftspartners von Tonis Onkel herauszufinden.

 

Zu meinem Nachteil stolperte ein Mitglied der Spezialeinheit über ein Brett, das vor wenigen Minuten noch die Tür verbarrikadierte und löste einen Schuss aus, der auch alle anderen für mich überraschenderweise bewaffneten Personen im Raum dazu veranlasste zu schießen. Was mich da traf, und aus wessen Waffe es genau kam, kann ich gar nicht sagen. Nur, dass es ein glatter Treffer genau zwischen die Augen war, der mich sofort tötete. Das hatte allerdings auch was Gutes: Ab jetzt keine Gefallen mehr!

Pluto ist jetzt kein Planet mehr

„Hallo Pluto. Schön, dass du kommen konntest. Nimm dir ‘nen Keks. Setz dich. Wir haben dir was Wichtiges mitzuteilen.“, begann Jupiter.

 

Dort saßen sie. Als Achtergestirn aufgereiht starrten sie mich an. Manche grimmig – insbesondere Mars – andere mitleidig. Ich war ja schon immer etwas der Sonderling – der Außenseiter – gewesen. Meine Bahn lag nicht grad in der besten Gegend und groß gewachsen war ich auch nicht. Aber in diesem Moment vor den anderen acht spürte ich noch deutlicher als sonst, dass ich nicht dazu gehörte. Ich auf der einen Seite, die Anderen auf der gegenüberliegenden Kante des Tisches. Und eine beunruhigende Stille lag im Raum. Kein kleinstes Geräusch störte die Stille.

 

„Nun.“, setzte Jupiter fort: „Vielleicht hast du es ja schon geahnt. Es gab ja auch schon Gerüchte…“

 

Dies trug er mit einer inneren Ruhe vor, wie sie nur Jupiter beherrscht. Großväterlich und über Allem erhaben. Im Grunde konnte jetzt noch alles passieren. Zumindest ich konnte nicht einschätzen, ob es nun die schlechte Nachricht gab, die ich befürchtete oder die gute, die ich erhoffte.

 

„Du sollst wissen, dass uns die Entscheidung nicht leicht gefallen ist.“, unterstützte Saturn Jupiter. „Wir haben wirklich lange überlegt und wirklich alle Argumente abgewogen.“
„Und einstimmig war es auch nicht.“, warf Merkur ein.

 

Merkur war immer nett zu mir gewesen. Sie war ebenfalls nicht gerade groß geraten und fühlte sich daher wohl auch mit mir verbunden. Sie war es, die am häufigsten mal vorbeikam, sodass man sich kurz unterhalten konnte. Und das obwohl sie von allen anderen Planeten am weitesten von mir weg kreiste. Wohingegen ich meinen Nachbarn Neptun fast nie zu sehen bekam. Der saß auch jetzt da, als wäre er gezwungen geworden, an dieser Sitzung teilzunehmen.

 

„Nun, wir wollen uns doch jetzt hier nicht gegeneinander ausspielen.“, versuchte Jupiter die Situation sofort zu beruhigen.
„Ich fände es aber schon gut, wenn wir Pluto nicht so allein lassen in dieser Situation.“, wandte Merkur ein.
„Das tun wir ja nicht.“, sagte Uranus. „Wir haben doch eine Lösung gefunden, wo am Ende keiner allein steht.“
Wir brauchen doch jetzt hier nicht weiterdiskutieren.“, wollte Mars die Diskussion abbrechen. „Die Entscheidung wurde gefällt und damit Basta. Und wenn Merkur das nicht akzeptiert, dann ist sie die Nächste!„

 

Das saß. Auf einmal war es still. Merkur hatte es kurz die Sprache verschlagen doch dann konterte sie:

 

„Ach, wollen wir jetzt auf diesem Niveau streiten, ja? Warum bist du dann nicht der Nächste? Immerhin hat Pluto sogar einen Mond mehr als du.“
„Ja oder Erde. Die hat sich Parasiten eingefangen und irgendwann springen die noch auf uns über. Die könnte uns noch alle gefährden. Da hab ich wirklich Angst und das finde ich viel wichtiger als irgendwelche Monde.“, ergänzte Venus.
„Wahrscheinlich, weil du selber nicht mal nur einen Mond hast.“, ließ sich Mars provozieren, aber noch ehe ein offener Streit entbrennen konnte, schritt Jupiter ein:
„Schluss jetzt. Wir werden uns hier nicht selbst zerlegen. Schließlich sind wir doch ein Sonnensystem. Und werden als solches auch in Zukunft noch zusammenhalten müssen.“
„Und was ist nun?“, fragte ich, der zwar ahnte, was nun kommen würde aber dem noch Gewissheit fehlte.

 

Jupiter hielt kurz inne und brachte so wieder die bedeutsame Stille in den Raum.

 

Nun, Pluto – und das sage ich dir jetzt als Freund – wir haben uns entschieden, …“ Pause. „… dass du nicht weiter als Planet gezählt wirst.“

 

Stille. Alle starrten gebannt auf mich und warteten auf eine Reaktion. Eigentlich hatte ich damit ja schon gerechnet. Aber jetzt war es Gewissheit. Noch nicht mal ein halbes Jahr war ich dabei gewesen. Und jetzt schon wieder ausgeschlossen. Dabei war ich eigentlich friedlich. Hatte nie jemandem was getan. Warum also? Warum nur? Warum jetzt?

 

„Warum?“

 

Die anderen acht zuckten bei der Frage zusammen. Selbst Jupiter schien nicht auf diese Frage antworten zu wollen. Alle hofften, dass ein andereranfing meine Frage zu beantworten. Schließlich begann dann doch Jupiter:

 

„Nun. Zuallererst mal. Also ich will nicht sagen, dass du zu klein bist. Du bist so für dich wirklich genau richtig. Aber eben…“ Er hielt kurz inne und überlegte, wie er es am schonendsten formulieren könnte. „… du bist nicht groß genug.“
„Aber ihr hattet bei meiner Entdeckung gesagt, dass das nicht so wichtig sei.“, antwortete ich. Ich hatte noch nicht gänzlich aufgegeben.
Merkur sprang mir zur Seite: „Ja, scheinbar kommt es hier einigen doch auf die Größe an. So was fällt denen dann immer erst hinterher ein.“
„Ach, als ob es nur die Größe wäre. Vorallem auch deine Unselbstständigkeit. Diese doppelt gebundene Rotation mit deinem Mond da. Also. Schön und gut. Wenn du meinst, das sei gut, dann kannst du das ja gerne machen. Aber bitte nicht als Planet. Wir haben als Planeten auch eine gewisse Vorbildfunktion. Da können wir uns solche Spielchen nicht erlauben.“, ergänzte Mars meinen Ausschlussgrund.

 

Wieder war es still. Ich wusste auch nichts mehr zu antworten auf diese Forderungen. Eigentlich wussten sie das ja alles schon vor meiner Aufnahme bei den Planeten. Nun auf einmal störten sie sich daran.

 

„Aber wir möchten dich auch nicht alleine lassen.“, fuhr Jupiter fort. „Wir haben uns etwas überlegt und eine neue Klasse geschaffen. Dort finden Zwergplaneten wie du eine Heimat. Und wir haben diese auch nach dir benannt. Plutoide.“
Ich wäre aber lieber bei euch als eine eigene Klasse.“, versuchte ich noch etwas zu retten.
„So haben wir uns nun aber entschieden.“, ergriff Saturn das Wort. „Wir verstehen ja, dass dich das jetzt traurig macht aber eigentlich ändert sich ja auch nichts. Wir sind ja weiterhin ein Sonnensystem.“
„Ich werd dich auch weiterhin so oft wie möglich besuchen.“, ergänzte Merkur. „Ich lass dich schon nicht allein.“

 

Mars verdrehte bei diesen Worten die Augen und änderte gleich mal seine Rotationsachse. Besser so, als wenn er wieder lospolterte, dachte ich mir. Ich sah für mich ein, dass es hier nichts mehr zu gewinnen gab. Ein Zwergplanet, ein Plutoid war ich nun offiziell. Gefallen tat mir das nicht.

 

„Also, wenn du keine weiteren Fragen hast, Pluto, dann würde ich die Sitzung schließen.“, bemühte Jupiter sich, die Sitzung zu einem Ende zu bringen.
„Nein, keine Fragen mehr.“, antwortete ich.
Gut, dann schließe ich die Sitzung und wünsche allen noch einen schönen Resttag, wie lange der auch jeweils dauern möge.“
„Sehr gut. Endlich Schluss hier.“, grummelte Neptun und verzog sich sogleich.
„Warte noch, ich komm noch ein paar Astronomische Einheiten mit.“, stürzte Uranus ihm hinterher.

 

Nachdem sich auch die anderen verabschiedet hatten und auch Merkur mir als Letzte noch Auf Wiedersehen gesagt hatte, stand ich allein so da und fühlte mich wie der einsamste Körper im gesamten Universum. Kein Planet mehr. Von jetzt auf eben. Einfach so, durch einen Beschluss, der ohne mich gefällt wurde. Dabei fühlte ich mich doch als vollwertiger Planet und nicht nur wie ein „Plutoid“. Und überhaupt: Wer waren die anderen, mit denen ich nun diese neue Klasse bilden sollte? Irgendwelche Winzlinge wahrscheinlich, die sich irgendwo in den Weiten des Alls verloren haben und nun verzweifelt zusammengekratzt wurden, um mir eine neue Kategorie zuteilen zu können. Vielleicht sollte ich es positiv sehen. Immerhin war ich ein paar Tage lang richtiger Planet. Aber geblieben wäre ich es trotzdem gerne. Hätte doch auch keinem geschadet. Oder?

Ausgebootet

Eigentlich ging ich mit einem guten Gefühl zu dem Termin. Ich traf mich mit Steven. Dem Regisseur, mit dem ich schon viele und auch prämierte Filme gedreht hatte. Und dieses Team sollte auch beim nächsten Film wieder auflaufen. So traf ich ihn vor einem Café, in dem festen Glauben, dass wir Einzelheiten für meine Rolle besprechen würden. Wie er sie sich vorstellt, wie ich sie mir vorstellte. Wir waren ein eingespieltes Team und verstanden uns, was dies anging, fast blind und ohne Worte. Länger als eine Stunde würde es wohl nicht dauern.

 

„Hallo Leo, wie geht es?“, fragte er mich, als wir uns vor dem Café trafen.
„Gut, ich kann nicht klagen. Und dir? Alles fit?“
„Wollen wir reingehen?“
„Klar.

 

Wir gingen in das Café und suchten uns eine ruhige Ecke. Steven sah nicht so beschwingt aus, wie er sonst vor neuen Filmprojekten aussah. Irgendwas Bedrückendes schwang in seiner Stimme mit. Aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch nichts besonderes dabei. Vielleicht hatte er ja wieder Stress zu Hause. Ich zog meine Jacke aus und warf sie auf den Stuhl neben mir. Die Bedienung kam an den Tisch.

 

„Was darf ich ihnen denn bringen?“, fragte sie.
„Für mich bitte eine von den Belgischen Waffeln. Mit Erdbeeren und bitte ohne Sahne.“, bestellte ich.
„Für mich bitte nur einen Kaffee.“, sagte Steven.
„Achja. Für mich auch einen Kaffee.“

 

Die Bedienung schrieb die Bestellung auf und ging hinter ihren Tresen.

 

„Mir ist etwas flau im Magen, da esse ich lieber nichts.“, begründete Steven, dass er nichts essen wollte.
„Aber die Waffeln sind wirklich gut. Die solltest du probieren.“
„Nein. Lieber nicht.“
„Dann vielleicht beim nächsten Mal.“
Schweigen.

 

Die zwei Tassen Kaffee wurden auf den Tisch gestellt. Ich beobachtete die Bedienung, während Steven gedankenverloren in die Luft starrte. Nachdem die Kellnerin wieder weg war, machte ich mir Milch und Zucker in den Kaffee und rührte ihn um. Steven tat nichts. Ich nahm die Tasse in die Hand, pustete kurz, nahm einen kleinen Schluck und fing sogleich mit dem Film an:

 

So, also wegen der Rolle. Ich denke, dass wir seine zwei Seiten am besten rüberbringen, wenn er unterschiedlich schnell spricht. Was denkst du?“
„Nun. Genau darum geht es. Um den Film. Deswegen wollte ich mit dir sprechen.“
„Davon ging ich aus.“
„Nein. Allgemein der Film. Wir…“
„Stimmt was mit der Finanzierung nicht?“
„Doch. Die Finanzierung steht. Aber eben…“

 

Er hielt kurz inne und überlegte, wie er es sagen sollte.

 

„Eben ohne dich.“

 

Mir stockte der Atem. Das ging tief. Mit einem Mal riss es mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie ein Flugzeug, das auf Reiseflughöhe von einer Rakete getroffen wird und wie ein Stein zu Boden fällt.

 

„Du musst das verstehen.“, fuhr er fort.

 

Er wich kurz zurück, weil die Waffel gebracht wurde und vor mir auf den Tisch gestellt wurde. Ich nahm das gar nicht wirklich wahr und starrte stattdessen Steven an. Das kam unerwartet. Wieso das? Steven und ich waren immer ein gutes Team. Hatten viele Preise gewonnen. Warum wollte er auf einmal nicht mehr mit mit zusammen arbeiten? Da konnte doch was nicht stimmen. Ein Traum. Ein Albtraum. Bald würde ich wieder aufwachen und der Tag beginnt in Wirklichkeit und ich würde noch mal zu diesem Café gehen. Vielleicht mit etwas mulmigeren Gefühl als noch eben im Traum aber doch wieder mit der Zuversicht, dass es um den Film und meine Rolle gehen würde und nicht um mein Engagement an sich. War das denn nicht schon lange klar gewesen? Dieser plötzliche Sinneswandel seinerseits war mir völlig…

 

„Leo!“
„Was? Ja. Okay. Bin hier.“
„Du musst das verstehen. Es war nicht meine Entscheidung.“
„Aber du bist doch der Regisseur. Du entscheidest wer spielt.“
„Nicht ausschließlich. Weißt du, bei einem solchen Millionenprojekt sprechen auch die Produzenten ein großes Wort mit. Das weißt du doch. Die, die das finanzielle Risiko tragen. Und sie meinen eben, dass ein anderer den finanziellen Erfolg eher garantieren könnte und haben mich überstimmt.“
„Welcher andere?“
„David Rufen.“
„Hmmm.“
„Findest du das gut?“
„Nein. Sicher nicht.“
„Aber nur ,Hmmm.‘?“
„Naja, ich glaube nicht, dass er die bessere Wahl ist zu mir. Der hat doch keine Klasse.“
„Aber er hat die Teenies hinter sich. Das zieht. Das war den Produzenten am Ende gewichtiger.“
„Als ob mich keiner kennen würde. Steven, wir sind doch ein eingespieltes Team. Erzähle mir nicht, dass der Rufen die bessere Wahl ist.“
„Ich wurde überstimmt. Was soll ich tun? Es ist eben so.“
„Du hättest doch sagen können ,Leo oder ohne mich.‘“
„Leo. Das meinst du doch nicht im Ernst, oder? Du weißt genau, wie sehr ich mich um dieses Drehbuch bemüht habe. Es kann nicht immer nur ,wir‘ heißen. Ich bin auch ein eigenständiger Regisseur.“
„Aber der Film wird dir doch mit einem neuen, ungewohnten Schauspieler nicht so gut gelingen. Du brauchst mich. Und ich brauche dich. Das ist die Rolle meines Lebens. Die, mit der man sich an mich erinnert wird. Das kannst du mir doch jetzt nicht wegnehmen.“
„Ich nehme dir hier gar nichts weg. Wie gesagt war es eine Mehrheitsentscheidung, mit der du und ich nun leben müssen.“
„Gut für den Film ist das nicht.“
„Das muss man sehen.“

 

Ich nahm die Gabel und stach mit ihr meine Waffel und brach eine Ecke ab. Ich konnte gar nicht genau sagen, wie ich mich jetzt fühlte. Wut auf Steven und die Produzenten, Trauer um die Rolle auf die ich mich schon innerlich so vorbereitet hatte, Angst, dass das nun der Knick in meiner Karriere sein würde. Einmal ersetzt – immer ersetzt.

 

„Verstehst du die Entscheidung denn wenigstens etwas?“, fragte Steven.
„Nein. Denke nicht. Außer das mit dem Geld vielleicht. Aber der Rufen ist doch nur ein Teenieschwarm. Eh der Film in den Kinos ist, kann der auch wieder aus der Mode sein. Ich spiele seit Jahren auf hohem Niveau. Und wir beide haben doch eigentlich auch schon eine Qualitätsgarantie. Warum auf einmal diese Änderung?“
„Einen Vertrag hattest du ja noch nicht.“
„Achso. Jetzt müssen wir auch schon alles per Vertrag machen, ja?“
„Wir nicht, nein. Verstehe doch. Die Entscheidung lag nicht allein bei dem, was ich am besten fand. Beim nächsten Film drehen wir wieder gemeinsam.“
„Wenn dann nicht schon der Stern vom Rufen höher steht.“
„Es gibt doch Platz für mehr als nur einen guten Schauspieler. Du kannst doch mit einem anderen Regisseur drehen in der Zeit.“
„Wie freundlich von dir.“

 

Allmählich wurde ich wütend. Der anfängliche Schock war vorbei. Nun rasten Gedanken in meinem Kopf herum. Warum? Was steckte wirklich dahinter? War das nun das Ende meiner großen Karriere? Ging es ab hier nur noch abwärts? Dann sollte ich vielleicht gleich damit aufhören, ehe sich noch irgendwelche peinlichen Filmrollen in meinen Lebenslauf mischen würden. Als an den Gescheiterten sollte man sich auch nicht an mich erinnern. Dafür war ich mir zu schade.

 

Die Waffel war kaum angerührt. Mir war der Hunger darauf vergangen. So gut sie auch waren – mir kam grad alles in der Welt schlecht vor.

 

„Dann brauchen wir wohl nicht mehr über die Rollenauslegung reden, was?“, setzte ich fort.
„Leo, nimm das bitte nicht persönlich. Es ist eben eine Vernunftsentscheidung. Ganz pragmatisch. Nichts gegen dich.“
„Ich finde schon, dass das gegen mich geht.

 

Darauf wusste er nichts zu sagen. Er saß nur da und schaute mir ins Gesicht. Und ich schaute zurück. Schweigend saßen wir da und wussten nichts mehr zu sagen. Ich griff meine Jacke.

 

„Okay, dann gehe ich jetzt lieber. Hier werde ich ja nicht mehr gebraucht.“
„Jetzt nimm das doch nicht so dramatisch.“
„Tue ich nicht. Ich nehme das ganz pragmatisch.“
Steven schaute mich an und sprach: „Du kannst mich jederzeit anrufen, das weißt du?“
„Ja.“

 

Ich legte das Geld zum Bezahlen neben den Teller mit der kaum angerührten Waffel und der halbleeren Tasse, stand auf und ging schon eine halbe Stunde nach Beginn des Treffens, ohne mich zu verabschieden, wieder aus dem Café. Steven blieb sitzen. Leicht war ihm die Entscheidung nicht gefallen. Beziehungsweise die Übermittlung der Nachricht. Wie man es nimmt. Wer weiß, wie lange er schon mit dem Gedanken spielte, sich einen neuen Schauspieler an die Seite zu nehmen für seine großen Filme. Vielleicht war das alles unausweichlich. Vielleicht sind wir alle ja nur Treibende, die hoffen müssen, dass der Wind uns an ein Stück Festland und nicht in einen Sturm lenkt? Ich dachte, immer das Beste in meinem Job gegeben zu haben. Auch wenn das schwer messbar war, so war man doch immer mit meinen Leistungen mehr als zufrieden. Und dennoch konnte ich mich gegen diese Ausbootung nicht wehren. Fair war das nicht.

 

Die nächsten Wochen verbrachte ich allein und abgeschottet. Von den Berichten über die Rollenbesetzung im neuen Film von Steven las ich nur die Überschriften. Die reichten um mir ein Bild zu verschaffen. Während einigen gar nicht auffiel, dass nicht ich die Hauptrolle bekommen hatte, bekamen in anderen Zeitungen die Gerüchte wilde Blüten. Ein Streit mit Steven. Angeblich hätte ich meine Karriere beendet. Einmal vermutete man sogar eine unheilbare Krankheit als Ursache dafür, dass ich die Hauptrolle nicht bekommen hatte. Ich stellte mein Handy ab. Meinem Agenten sagte ich, dass er alles abblocken sollte, was kam. In meinem dunklen Appartement wollte ich ganz für mich allein sein und mir darüber klar werden, was passiert war. Vom König zum Bettler. Doch ich kam zu keiner Lösung. Diese Entscheidung lag nicht in meiner Hand. Die Gedanken, dass meine Zeit zu Ende war, wechselten sich mit denen ab, die mir sagten, dass jetzt eine Trotzreaktion angebracht wäre. Mit einem jungen, unbekannten aber talentierten Regisseur drehen. Und so Steven zeigen, dass auch er ersetzbar war. Aber konnte Steven denn überhaupt was dafür? Er hätte sich vielleicht mehr einsetzen können für mich. Aber das wusste ich auch nicht. Ich sollte ihm auch dankbar sein für das, was er mir ermöglicht hatte, dachte ich. Nur abfinden damit, dass es nun zu Ende sein sollte, konnte ich mich nicht.

 

Nachdem die Dunkelheit in meiner Wohnung erdrückend geworden war, meldete ich mich wieder bei meinem Agenten. Nachdem bekanntgeworden war, dass ich nicht im nächsten Film von Steven die Hauptrolle übernehmen würde, kamen unzählige Angebote von Regisseuren rein, die nun hofften, dass ich Zeit hatte, in ihrem Film mitzuwirken. Es waren sogar einige interessante Angebote darunter. Jedoch wollte ich mir immer eine Hintertür offen halten. Wenn Steven doch noch anrufen würde, um mich doch noch für seinen Film zu gewinnen, wollte ich aus dem anderen Vertrag sofort herauskommen können. Mein Agent sagte mir gleich, dass sich darauf keine Produktionsfirma einlassen würde aber ich wollte auf keinen Fall die Chance verpassen, doch noch in Stevens Film mitwirken zu können.

 

Erst nach einigen Verhandlungsabbrüchen und einem ernsten Gespräch mit meinem Agenten willigte ich ein, auf diesen Passus im Vertrag zu verzichten. Und bald darauf hatte ich die Rolle in einem anderen Filmprojekt. Ohne Steven. Aber ebenso groß angelegt. Mit einer ebenso prämierten zweiten Hauptdarstellerin. Eigentlich hatte ich keinen Grund mehr zu klagen. Doch dennoch wusste ich: Wenn Steven anrufen würde, würde ich sofort schmeißen und bei ihm mitmachen. Es war mir jede Vertragsstrafe wert, zu wissen, dass die Zusammenarbeit mit Steven immer ein Erfolg war und immer gut ausging.

Ein Anfang

„Das ist schon ein Risiko, was wir da eingehen würden.“, sagte sie schüchtern den Blick auf den Boden gerichtet.
Aber es kann auch klappen.“, antwortete ich. „Es klingt zwar abgedroschen, aber wer etwas riskiert, kann verlieren. Wer nichts riskiert hat schon verloren.“
„Ja.“
„Ja?“
„Ja, das ist abgedroschen.“

 

Sie blickte kurz auf und sah mir in die Augen, wandte den Blick dann aber sofort wieder ihren Fußspitzen zu. Ein unbehagliches Schweigen lag in der Luft. Die Unsicherheit war uns beiden anzumerken und auch wenn ich den Schritt gewagt hatte, das anzusprechen, was mir schon so lange wie ein Stein auf der Seele lag, so fühlte ich mich nun kein Stück wohler. Unausgesprochen war das alles noch so fern. So eventuell. Damit konnte man leben. Doch nun war es raus und lag zwischen uns wie ein unbekanntes Kind. Mit jeder Sekunde, die das Schweigen länger im Raum stand wurde es unangenehmer. Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Meine Gedanken waren wie leer, nachdem es nun ausgesprochen war. Dafür hatte sie umso mehr Gedanken, in denen sie nun versunken war. Man sah ihr förmlich an, wie sie all die Risiken innerlich mit ihren Hoffnungen hin und her wog.

 

„Was, wenn es schief geht?“, fragte sie mich leise und ohne dabei den Blick von ihren Füßen abzuwenden.
„Warum sollte es das?“
„Weil solche Dinge immer schief gehen.“

 

Darauf wusste ich nichts zu sagen. Sicher läuft nicht immer alles nach Plan. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aber für mich war das eigentlich nie ein Problem. Sie war schon immer viel nachdenklicher und überlegter als ich. Zögern und erst noch mal innehalten war ihr Gebiet. Ich hatte sie schon so kennengelernt, wie sie jetzt vor mir auf dem Sofa saß. Schüchtern, nachdenklich und unschlüssig darüber, was wohl das Beste sei. Solang ich sie kannte, hatte sie nie eine neue Frisur probiert. Nie sich für eine andere Arbeitsstelle beworben, obwohl bei ihrer jetzigen die Kollegen sie schnitten und herumschubsten. Kein Risiko eingehen durch die Befürchtung, es könnte ja noch schlimmer werden.

 

„Und wenn es diesmal nicht schief geht?“, brach ich die wieder drückender werdende Stille. „Es hat doch bisher auch gut geklappt. Warum nicht einen weiteren Schritt gehen?“
„Eben weil es bisher so gut geklappt hat. Das will ich nicht verlieren.“
„Wirst du nicht. Ich bleib bei dir.“
„Das kannst du gar nicht wissen. Erstens kommt es…“
, sie verstummte.
„Wie?“
„Ja, nein. Ist abgedroschen.“
„A‘so.“

 

Ich fragte nicht weiter nach. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nicht weiterreden würde. Willen hatte sie. Einmal entschlossen war sie kaum zu erweichen. Umso froher war ich, dass sie mich nicht sofort weggeschickt hatte und scheinbar darüber nachdachte, statt es kategorisch auszuschließen. Sie saß dort auf dem Sofa. Den Blick immer noch  auf die Zehenspitzen gerichtet, hing sie ihren Gedanken nach. Still und schüchtern und mir blieb nur hilflos daneben zu stehen. Wenn ich ihr doch nur einen Schubs in meine Richtung geben könnte. Doch niemand kann jemanden zu sich schubsen. Schubsen kann man nur von sich weg. In diesen Situationen muss man warten, dass der andere den Schritt wagt. Oder eben nicht. Aber warten – das war nicht meine Stärke.

 

„Was denkst du?“, fragte ich.
„Nichts.“

 

„Bloß nichts überstürzen“, dachte ich. Wenn ich jetzt zu viel will, wenn ich es überstürze, dann wird sie nicht mehr lange überlegen. Und ich mich allein davon machen müssen.

 

„Jetzt sag doch was.“, platze es unbeherrscht aus mir hervor.

 

Aber sie blickte nur weiter auf den Boden. In Gedanken scheinbar völlig woanders und doch ganz bei mir. Die drückende Stille schien sie nicht zu interessieren. Ich, die Stille sehr wohl beachtend, sah in diesem Moment, dass es so nicht weiter ging, strich die Segel und ergab mich.

 

„Okay, dann…“ Ich hielt kurz inne.
„Lass uns was machen. Was spielen. Spielen wir Rommé.“

 

Doch sie ließ sich auch davon nicht erweichen. Sie saß da und blickte vor sich hin. Ich konnte nur hilflos daneben stehen. Wusste nicht, was ich tun sollte, um aus dieser Situation herauszukommen, in der ich uns gebracht hatte. Jetzt bereute ich es, dieses Thema angesprochen zu haben. Nun hatte ich alles verdorben. Alles zerstört. Sie würde erst noch nett zu mir sein, aber dann mehr und mehr Abstand suchen, um mich durch ihre Nähe nicht zu verletzen. Sie würde das für das Beste halten und ich würde daran zu Grunde gehen. Wie konnte mir nur dieser Fehler unterlaufen? Es lief doch alles so gut. Alles war schön, aber nein – ich wollte ja unbedingt noch mehr. Noch mehr von ihr, noch mehr vom wir. Und nun würde ich ohne etwas dastehen. Ohne wir. Ohne sie.

 

„Nein“, unterbrach sie meine Gedanken. „Nein, wir können jetzt nicht Karten spielen. Wir müssen das klären.“

 

Jetzt war ich es, der stumm da stand. Regungslos, sie völlig verdattert anstarrend, die nun nicht mehr den Boden, sondern mir entschlossen entgegen blickte.

 

„Du hast völlig recht. Da ist mehr. Da ist ein wir. Da ist auch ein Risiko, ja. Aber wo ist das nicht. Und warum sollte das hier schief gehen?“
„Ich weiß nicht.“, löste ich mich aus meiner Starre.
„Und ich weiß es auch nicht.“
„Vielleicht müssen wir einfach drauf hoffen, dass es eben nicht schief geht.“
„Oder stetig daran arbeiten. Als Team.“
„Als wir.“

 

Ich schaute ihr tief in die Augen und sah dort diese tiefe Verbundenheit, die ich schon so oft in ihren Augen gefunden hatte. Ich ging auf sie zu und nahm ihre Hand.

 

„Meinst du, das wird was?“
„Ich denke, wir sollten einen Anfang wagen. Den Anfang zu etwas Neuem, noch Besseren.“

 

Sie stand auf, kam so nah an mich heran, wie es eben nur ging, legte den Kopf auf meine Schulter und flüsterte:

 

„Ja. Das denke ich auch.“