Zwei Teebeutel in einer Tasse

sie will mehr vom Leben
als das Leben zu bieten hat

ich will mehr von ihr
als sie jemals haben wird

du willst, dass ich dich will
ohne dass ich mehr will
als du willst

weil er dich will
wie du nicht bist

obwohl er immer war
wie andere ihn haben wollten

deswegen wurde er
wie er nicht ist

und verlangte von ihr
dass sie vom Leben mehr will
als das Leben zu bieten hat

so kommen wir zum Anfang zurück
und wissen noch immer nicht
was wir voneinander wollen

außer dass es dasselbe ist
nur etwas anders
sollte es sein

Wach

Wenn ich jetzt schlafen würde, könnt’ ich was verpassen
Irgendjemand täte was und ich wär nicht dabei
Herz und Daumen hoch entfällt, wenn ich es nicht berichte
Träume auch in dieser Nacht so atemlos und wach

Wenn ich doch nur schlafen könnt‘, ich wär ganz bei mir
Die Augen zu und Ruh‘ und weit und weg und nicht mehr hier
Weiter geht es, weiter muss ich, bin noch nicht am Ziel
Schlafen kann ich auch noch morgen oder eben übermorgenen

Folgkörper

Groß und stark
ist mein Geschlecht
Anders und besser
bin nur ich wirklich echt

So steh ich
in Reih und Glied
Sing stolz mit Gleichen
und Inbrunst unser Lied 

Seit an Seit
am Fahnenmast
Wir schreiten voran
mit dem Sorgenballast

Links und rechts
ein Mann, ein Baum
Irgendwas andres
nicht hier in unserm Raum

Hier soll keiner zweifeln
ist er noch so klein
Anders und gleich
darf nicht sein

Schichten

Unbehandelt ungebogen
Wurd‘ ich auf die Welt geboren
Schon kam ich auf die Waage
Dann Maßband und ein Name

Ich stand bald auf und ging dann los
Stand vor Türen, die viel zu groß
Hörte Worte, sprach sie nach
Lernte dann, was man nicht sagt

Schon bald sprach die Erzieherin
„Sitz gerade!“, „Du fällst noch hin!“
Der Versuch von Widerstand
Ein paar Mal und er misslang

Mit ABC und Einmaleins
Schliff man weiter an meinem Sein
Das ist richtig, das ist falsch
Eine Medaille um den Hals

Immer weiter, noch spezieller
Personalchef: „So ein Toller!“
Zuverlässig, fähig, glatt
Dann kommt Alltag drauf als Lack

So hergerichtet und drapiert
Wird das Leben präsentiert
Mit Maßband und ’nem Namen
Fang ich an aufzutragen

!

Niemand hört mir richtig zu
So kann mich keiner verstehen
Drum spreche ich in Schrift ab nu‘
Von der Welt und ihrem Innersten

Aber schreiben ist leise
Ein nur in Norm gepackter Satz
Zeigt in keiner Art und Weise
Meine Sicherheit in mich und das

Gern mach ich was deutlich
Dann hab ich auch schonmal geschrien
Wenn einer sagte, er versteht mich nicht
(Das war, bevor keiner mehr hörte)

Aber jeder soll doch sehen
Wie wirklich sicher ich mir bin
Darum schicke ich ein Zeichen
Und schon ist allen klar: Ich meine es ernst.

Ich weiß es ohne Zweifel
Was die Welt zusammen hält
Das kann man mir ruhig mal glauben
!

Relegation und Krisselbild

Google sagt, dass es der 5. Juni 1997 war. Ich muss demnach 10 Jahre alt gewesen sein, hatte aber schon einen Fernseher, wenn auch nur einen mit Antenne. So konnte er nur ProSieben empfangen. Und mit ein wenig Krissel auch ORB, den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg. Der war aber für mich nicht von Wert, weil selbst bei nur zwei Sendern sind Kahnfahrten im Spreewald nicht interessant. An diesem Tag aber war der ORB auf einmal wichtig. So wichtig, dass mein Vater fragte, ob wir bei mir Fernsehen könnten. Um das einzuordnen: Erst mehr als ein halbes Leben später kam es wieder zu solchen Momenten mit meinem Vater. Erst dann war ich laut FSK bereit, Filme über Krieg zu sehen, für die meine Mutter bis heute nicht bereit ist. Mein Vater ist zwar ein Guter aber Fernsehen will er doch lieber auf dem breiten ehelichen Sofa. Aber nicht so an diesem Abend, denn im ORB wurde live übertragen wie im Stadion der Freundschaft die Mannschaften von Hannover 96 und Energie Cottbus auf ein Fußballfeld liefen und im Rückspiel der Relegation den Aufsteiger in die 2. Bundesliga ausspielten.

Das Hinspiel endete 0:0. Ob damals die Auswärtstorregel galt, weiß ich heute nicht. Damals wusste ich wahrscheinlich nicht mal, dass das Hinspiel 0:0 ausging. Oder was Relegation ist. Überhaupt reicht die Aufmerksamkeit eines Zehnjährigen wahrscheinlich nicht, die Bedeutung eines solchen Spieles zu fassen. Zwei Mannschaften haben eine Saison geschuftet und geschwitzt und am Ende entscheiden nun 90 Minuten, welche von beiden dafür belohnt wird. Heute ist es für mich kaum auszudenken, was das für ein Gefühl bei den Verlierer gewesen sein muss. Am Ende des Weges standen sie mit leeren Händen da. Ich hingegegen hatte in jedem Fall den Moment mit meinem Vater. An viel mehr kann ich mich gar nicht erinnern. Nur: Antenne, ORB, Vati, Energie Cottbus. Selbst, dass das Flutlicht zwischendurch ausfiel, hatte ich vergessen. Das Internet erinnert mich aber daran und schon fällt mir wieder ein, dass mein Vater diese Unterbrechung nutzte, mir zu erklären, dass die Lichtanlage neu sei. Die hatte man sich in Cottbus gegönnt, nachdem man im DFB-Pokal bis ins Finale vorgerückt war, was viel Geld bringt. Ich verstand, nickte und hielt es in meiner Zeit als Fußballmanager mit den Investitionen ähnlich, die ich später hauptberuflich am PC neben meinem Abitur ausüben würde. Ein prägendes Spiel.

Am 24. Mai 2018 tritt Energie Cottbus wieder in der Relegation an. Dieses Mal geht es um den Aufstieg in die 3. Liga, was unlogisch klingt aber in 21 Jahren passiert einiges. Einerseits Tröstliches: Gerald Asamoah, 1997 noch Verlierer, spielte fünf Jahre später WM und Dieter Hecking, ebenfalls Verlierer 1997, trainierte 18 Jahre später den VfL Wolfsburg in die Champions League und zum DFB-Pokal-Sieg. Außerdem stieg Hannover ein Jahr später ebenfalls in die Zweite Liga auf, damit musste keiner mehr traurig sein. Und für beide Mannschaften sollte dies auch nur ein Zwischenschritt sein. 2000 kam Energie in der Bundesliga an, Hannover zwei Jahre später. Hannover sollte in der Bundesliga sogar mal Vierter werden und sich damit für die Europa League (vielleicht hieß es da auch noch UEFA-Cup) qualifizieren. Heute würden sie mit diesem Tabellenplatz sogar Champions League spielen. Spätestens da war die Niederlage 1997 verwunden.

Aber in 21 Jahren passiert einiges und nicht nur Tröstliches. Fabian Ernst, auch Verlierer von 1997, spielte 9 Jahre später zu seiner Überraschung nicht WM. Cottbus ist seitdem zwar noch zweimal auf- aber auch viermal abgestiegen. Und selbst wenn alles anders gekommen wäre, wenn Energie Cottbus nicht viermal abgestiegen, sondern Vierter der Bundesliga geworden wäre: 21 Jahre später gibt es keine neuen Vater-Sohn-Momente mehr vor krisseligem Fernsehbild. Mich sollte das eigentlich nicht stören, ich hatte diesen Moment. Aber denke ich an die heute Zehnjährigen, überkommt mich ein nostalgiegetränktes Mitgefühl. Wie soll das gehen, so ein Moment ohne Krisselbild? Denn den Fernseher mit Antenne gibt es nicht mehr. Und könnte dieser noch empfangen: Den ORB gibt es auch nicht mehr, der heißt jetzt RBB und macht gemeinsame Sache mit denen aus Berlin.

Die Relegation für die 2. Liga spielen auch nicht mehr zwei Gleiche, sondern einer von oben gegen einen von unten. Der Zehnjährige in mir merkt an, dass das unfair ist. Immerhin: Das ZDF überträgt live. Aber Hauptprogramm, das ist nicht lauschig. Das ist kein Moment an den man sich 2039 erinnern wird. Aber ich denke zu negativ. Am 24. Mai 2018 krisselt es zwar nicht mehr, dafür puffert es. Denn der RBB erinnert sich an seine ORB-Wurzeln und überträgt live. Nicht im richtigen Fernsehen, dafür aber online im Stream. Vielleicht kann so auch heute irgendwo in Brandenburg ein Vater mit seinem Sohn vor einem Bildschirm sitzen und unterbrochen vom Puffern des Streams gemeinsam schauen sie zu, wie Weiche Flensburg und Energie Cottbus ausspielen, wer für über ein Jahr Schwitzen und Schuften belohnt wird. Der Zehnjährige versteht nicht viel aber er findet es gut. Und 2039 erinnert er sich.

Ich möchte meiner Erinnerung etwas Gegenwart verleihen und navigiere den Stream an. Leider liefert mein britischer Internetlieferant nicht genug vom Internet. Ich sehe auf das Puffer-Symbol und denke, dass Antenne und Krisselbild nicht nur schlecht waren. Und das in 21 Jahren so einiges passiert. Auf der anderen Seite Berlins guckt mein Vater wahrscheinlich gerade zu, wie Michael Kessler durch den Spreewald paddelt und er weiß dabei nichts vom Relegationsspiel. Weder von dem Spiel heute noch von dem 1997. Aber ich weiß es noch genau. Krisselbild, Vati und Energie.

In 21 Jahren passiert so einiges und manches passiert auch nicht: So wie ich den Flutlichtausfall vergaß, vergaß ich auch die rassistischen Ausfälle der Cottbusser Fans gegenüber Gerald Asamoah und Otto Addo. Erst das Internet rief sie mir wieder in Erinnerung. Vielleicht haben die Bananenwerfer von damals nicht verwunden, dass nicht sie es waren, die fünf Jahre später im WM-Kader standen. Und waren dann auch die, die vor einem Jahr im Babelsberger Stadion die 88 hissten. Aber vielleicht erinnern sie sich auch an den 5. Juni 1997 und schämen sich für ihren Moment.