Ausgebootet

Daniel von Walther

Eigentlich ging ich mit einem guten Gefühl zu dem Termin. Ich traf mich mit Steven. Dem Regisseur, mit dem ich schon viele und auch prämierte Filme gedreht hatte. Und dieses Team sollte auch beim nächsten Film wieder auflaufen. So traf ich ihn vor einem Café, in dem festen Glauben, dass wir Einzelheiten für meine Rolle besprechen würden. Wie er sie sich vorstellt, wie ich sie mir vorstellte. Wir waren ein eingespieltes Team und verstanden uns, was dies anging, fast blind und ohne Worte. Länger als eine Stunde würde es wohl nicht dauern.

 

„Hallo Leo, wie geht es?“, fragte er mich, als wir uns vor dem Café trafen.
„Gut, ich kann nicht klagen. Und dir? Alles fit?“
„Wollen wir reingehen?“
„Klar.

 

Wir gingen in das Café und suchten uns eine ruhige Ecke. Steven sah nicht so beschwingt aus, wie er sonst vor neuen Filmprojekten aussah. Irgendwas Bedrückendes schwang in seiner Stimme mit. Aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch nichts besonderes dabei. Vielleicht hatte er ja wieder Stress zu Hause. Ich zog meine Jacke aus und warf sie auf den Stuhl neben mir. Die Bedienung kam an den Tisch.

 

„Was darf ich ihnen denn bringen?“, fragte sie.
„Für mich bitte eine von den Belgischen Waffeln. Mit Erdbeeren und bitte ohne Sahne.“, bestellte ich.
„Für mich bitte nur einen Kaffee.“, sagte Steven.
„Achja. Für mich auch einen Kaffee.“

 

Die Bedienung schrieb die Bestellung auf und ging hinter ihren Tresen.

 

„Mir ist etwas flau im Magen, da esse ich lieber nichts.“, begründete Steven, dass er nichts essen wollte.
„Aber die Waffeln sind wirklich gut. Die solltest du probieren.“
„Nein. Lieber nicht.“
„Dann vielleicht beim nächsten Mal.“
Schweigen.

 

Die zwei Tassen Kaffee wurden auf den Tisch gestellt. Ich beobachtete die Bedienung, während Steven gedankenverloren in die Luft starrte. Nachdem die Kellnerin wieder weg war, machte ich mir Milch und Zucker in den Kaffee und rührte ihn um. Steven tat nichts. Ich nahm die Tasse in die Hand, pustete kurz, nahm einen kleinen Schluck und fing sogleich mit dem Film an:

 

So, also wegen der Rolle. Ich denke, dass wir seine zwei Seiten am besten rüberbringen, wenn er unterschiedlich schnell spricht. Was denkst du?“
„Nun. Genau darum geht es. Um den Film. Deswegen wollte ich mit dir sprechen.“
„Davon ging ich aus.“
„Nein. Allgemein der Film. Wir…“
„Stimmt was mit der Finanzierung nicht?“
„Doch. Die Finanzierung steht. Aber eben…“

 

Er hielt kurz inne und überlegte, wie er es sagen sollte.

 

„Eben ohne dich.“

 

Mir stockte der Atem. Das ging tief. Mit einem Mal riss es mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie ein Flugzeug, das auf Reiseflughöhe von einer Rakete getroffen wird und wie ein Stein zu Boden fällt.

 

„Du musst das verstehen.“, fuhr er fort.

 

Er wich kurz zurück, weil die Waffel gebracht wurde und vor mir auf den Tisch gestellt wurde. Ich nahm das gar nicht wirklich wahr und starrte stattdessen Steven an. Das kam unerwartet. Wieso das? Steven und ich waren immer ein gutes Team. Hatten viele Preise gewonnen. Warum wollte er auf einmal nicht mehr mit mit zusammen arbeiten? Da konnte doch was nicht stimmen. Ein Traum. Ein Albtraum. Bald würde ich wieder aufwachen und der Tag beginnt in Wirklichkeit und ich würde noch mal zu diesem Café gehen. Vielleicht mit etwas mulmigeren Gefühl als noch eben im Traum aber doch wieder mit der Zuversicht, dass es um den Film und meine Rolle gehen würde und nicht um mein Engagement an sich. War das denn nicht schon lange klar gewesen? Dieser plötzliche Sinneswandel seinerseits war mir völlig…

 

„Leo!“
„Was? Ja. Okay. Bin hier.“
„Du musst das verstehen. Es war nicht meine Entscheidung.“
„Aber du bist doch der Regisseur. Du entscheidest wer spielt.“
„Nicht ausschließlich. Weißt du, bei einem solchen Millionenprojekt sprechen auch die Produzenten ein großes Wort mit. Das weißt du doch. Die, die das finanzielle Risiko tragen. Und sie meinen eben, dass ein anderer den finanziellen Erfolg eher garantieren könnte und haben mich überstimmt.“
„Welcher andere?“
„David Rufen.“
„Hmmm.“
„Findest du das gut?“
„Nein. Sicher nicht.“
„Aber nur ,Hmmm.‘?“
„Naja, ich glaube nicht, dass er die bessere Wahl ist zu mir. Der hat doch keine Klasse.“
„Aber er hat die Teenies hinter sich. Das zieht. Das war den Produzenten am Ende gewichtiger.“
„Als ob mich keiner kennen würde. Steven, wir sind doch ein eingespieltes Team. Erzähle mir nicht, dass der Rufen die bessere Wahl ist.“
„Ich wurde überstimmt. Was soll ich tun? Es ist eben so.“
„Du hättest doch sagen können ,Leo oder ohne mich.‘“
„Leo. Das meinst du doch nicht im Ernst, oder? Du weißt genau, wie sehr ich mich um dieses Drehbuch bemüht habe. Es kann nicht immer nur ,wir‘ heißen. Ich bin auch ein eigenständiger Regisseur.“
„Aber der Film wird dir doch mit einem neuen, ungewohnten Schauspieler nicht so gut gelingen. Du brauchst mich. Und ich brauche dich. Das ist die Rolle meines Lebens. Die, mit der man sich an mich erinnert wird. Das kannst du mir doch jetzt nicht wegnehmen.“
„Ich nehme dir hier gar nichts weg. Wie gesagt war es eine Mehrheitsentscheidung, mit der du und ich nun leben müssen.“
„Gut für den Film ist das nicht.“
„Das muss man sehen.“

 

Ich nahm die Gabel und stach mit ihr meine Waffel und brach eine Ecke ab. Ich konnte gar nicht genau sagen, wie ich mich jetzt fühlte. Wut auf Steven und die Produzenten, Trauer um die Rolle auf die ich mich schon innerlich so vorbereitet hatte, Angst, dass das nun der Knick in meiner Karriere sein würde. Einmal ersetzt – immer ersetzt.

 

„Verstehst du die Entscheidung denn wenigstens etwas?“, fragte Steven.
„Nein. Denke nicht. Außer das mit dem Geld vielleicht. Aber der Rufen ist doch nur ein Teenieschwarm. Eh der Film in den Kinos ist, kann der auch wieder aus der Mode sein. Ich spiele seit Jahren auf hohem Niveau. Und wir beide haben doch eigentlich auch schon eine Qualitätsgarantie. Warum auf einmal diese Änderung?“
„Einen Vertrag hattest du ja noch nicht.“
„Achso. Jetzt müssen wir auch schon alles per Vertrag machen, ja?“
„Wir nicht, nein. Verstehe doch. Die Entscheidung lag nicht allein bei dem, was ich am besten fand. Beim nächsten Film drehen wir wieder gemeinsam.“
„Wenn dann nicht schon der Stern vom Rufen höher steht.“
„Es gibt doch Platz für mehr als nur einen guten Schauspieler. Du kannst doch mit einem anderen Regisseur drehen in der Zeit.“
„Wie freundlich von dir.“

 

Allmählich wurde ich wütend. Der anfängliche Schock war vorbei. Nun rasten Gedanken in meinem Kopf herum. Warum? Was steckte wirklich dahinter? War das nun das Ende meiner großen Karriere? Ging es ab hier nur noch abwärts? Dann sollte ich vielleicht gleich damit aufhören, ehe sich noch irgendwelche peinlichen Filmrollen in meinen Lebenslauf mischen würden. Als an den Gescheiterten sollte man sich auch nicht an mich erinnern. Dafür war ich mir zu schade.

 

Die Waffel war kaum angerührt. Mir war der Hunger darauf vergangen. So gut sie auch waren – mir kam grad alles in der Welt schlecht vor.

 

„Dann brauchen wir wohl nicht mehr über die Rollenauslegung reden, was?“, setzte ich fort.
„Leo, nimm das bitte nicht persönlich. Es ist eben eine Vernunftsentscheidung. Ganz pragmatisch. Nichts gegen dich.“
„Ich finde schon, dass das gegen mich geht.

 

Darauf wusste er nichts zu sagen. Er saß nur da und schaute mir ins Gesicht. Und ich schaute zurück. Schweigend saßen wir da und wussten nichts mehr zu sagen. Ich griff meine Jacke.

 

„Okay, dann gehe ich jetzt lieber. Hier werde ich ja nicht mehr gebraucht.“
„Jetzt nimm das doch nicht so dramatisch.“
„Tue ich nicht. Ich nehme das ganz pragmatisch.“
Steven schaute mich an und sprach: „Du kannst mich jederzeit anrufen, das weißt du?“
„Ja.“

 

Ich legte das Geld zum Bezahlen neben den Teller mit der kaum angerührten Waffel und der halbleeren Tasse, stand auf und ging schon eine halbe Stunde nach Beginn des Treffens, ohne mich zu verabschieden, wieder aus dem Café. Steven blieb sitzen. Leicht war ihm die Entscheidung nicht gefallen. Beziehungsweise die Übermittlung der Nachricht. Wie man es nimmt. Wer weiß, wie lange er schon mit dem Gedanken spielte, sich einen neuen Schauspieler an die Seite zu nehmen für seine großen Filme. Vielleicht war das alles unausweichlich. Vielleicht sind wir alle ja nur Treibende, die hoffen müssen, dass der Wind uns an ein Stück Festland und nicht in einen Sturm lenkt? Ich dachte, immer das Beste in meinem Job gegeben zu haben. Auch wenn das schwer messbar war, so war man doch immer mit meinen Leistungen mehr als zufrieden. Und dennoch konnte ich mich gegen diese Ausbootung nicht wehren. Fair war das nicht.

 

Die nächsten Wochen verbrachte ich allein und abgeschottet. Von den Berichten über die Rollenbesetzung im neuen Film von Steven las ich nur die Überschriften. Die reichten um mir ein Bild zu verschaffen. Während einigen gar nicht auffiel, dass nicht ich die Hauptrolle bekommen hatte, bekamen in anderen Zeitungen die Gerüchte wilde Blüten. Ein Streit mit Steven. Angeblich hätte ich meine Karriere beendet. Einmal vermutete man sogar eine unheilbare Krankheit als Ursache dafür, dass ich die Hauptrolle nicht bekommen hatte. Ich stellte mein Handy ab. Meinem Agenten sagte ich, dass er alles abblocken sollte, was kam. In meinem dunklen Appartement wollte ich ganz für mich allein sein und mir darüber klar werden, was passiert war. Vom König zum Bettler. Doch ich kam zu keiner Lösung. Diese Entscheidung lag nicht in meiner Hand. Die Gedanken, dass meine Zeit zu Ende war, wechselten sich mit denen ab, die mir sagten, dass jetzt eine Trotzreaktion angebracht wäre. Mit einem jungen, unbekannten aber talentierten Regisseur drehen. Und so Steven zeigen, dass auch er ersetzbar war. Aber konnte Steven denn überhaupt was dafür? Er hätte sich vielleicht mehr einsetzen können für mich. Aber das wusste ich auch nicht. Ich sollte ihm auch dankbar sein für das, was er mir ermöglicht hatte, dachte ich. Nur abfinden damit, dass es nun zu Ende sein sollte, konnte ich mich nicht.

 

Nachdem die Dunkelheit in meiner Wohnung erdrückend geworden war, meldete ich mich wieder bei meinem Agenten. Nachdem bekanntgeworden war, dass ich nicht im nächsten Film von Steven die Hauptrolle übernehmen würde, kamen unzählige Angebote von Regisseuren rein, die nun hofften, dass ich Zeit hatte, in ihrem Film mitzuwirken. Es waren sogar einige interessante Angebote darunter. Jedoch wollte ich mir immer eine Hintertür offen halten. Wenn Steven doch noch anrufen würde, um mich doch noch für seinen Film zu gewinnen, wollte ich aus dem anderen Vertrag sofort herauskommen können. Mein Agent sagte mir gleich, dass sich darauf keine Produktionsfirma einlassen würde aber ich wollte auf keinen Fall die Chance verpassen, doch noch in Stevens Film mitwirken zu können.

 

Erst nach einigen Verhandlungsabbrüchen und einem ernsten Gespräch mit meinem Agenten willigte ich ein, auf diesen Passus im Vertrag zu verzichten. Und bald darauf hatte ich die Rolle in einem anderen Filmprojekt. Ohne Steven. Aber ebenso groß angelegt. Mit einer ebenso prämierten zweiten Hauptdarstellerin. Eigentlich hatte ich keinen Grund mehr zu klagen. Doch dennoch wusste ich: Wenn Steven anrufen würde, würde ich sofort schmeißen und bei ihm mitmachen. Es war mir jede Vertragsstrafe wert, zu wissen, dass die Zusammenarbeit mit Steven immer ein Erfolg war und immer gut ausging.