Relegation und Krisselbild

Google sagt, dass es der 5. Juni 1997 war. Ich muss demnach 10 Jahre alt gewesen sein, hatte aber schon einen Fernseher, wenn auch nur einen mit Antenne. So konnte er nur ProSieben empfangen. Und mit ein wenig Krissel auch ORB, den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg. Der war aber für mich nicht von Wert, weil selbst bei nur zwei Sendern sind Kahnfahrten im Spreewald nicht interessant. An diesem Tag aber war der ORB auf einmal wichtig. So wichtig, dass mein Vater fragte, ob wir bei mir Fernsehen könnten. Um das einzuordnen: Erst mehr als ein halbes Leben später kam es wieder zu solchen Momenten mit meinem Vater. Erst dann war ich laut FSK bereit, Filme über Krieg zu sehen, für die meine Mutter bis heute nicht bereit ist. Mein Vater ist zwar ein Guter aber Fernsehen will er doch lieber auf dem breiten ehelichen Sofa. Aber nicht so an diesem Abend, denn im ORB wurde live übertragen wie im Stadion der Freundschaft die Mannschaften von Hannover 96 und Energie Cottbus auf ein Fußballfeld liefen und im Rückspiel der Relegation den Aufsteiger in die 2. Bundesliga ausspielten.

Das Hinspiel endete 0:0. Ob damals die Auswärtstorregel galt, weiß ich heute nicht. Damals wusste ich wahrscheinlich nicht mal, dass das Hinspiel 0:0 ausging. Oder was Relegation ist. Überhaupt reicht die Aufmerksamkeit eines Zehnjährigen wahrscheinlich nicht, die Bedeutung eines solchen Spieles zu fassen. Zwei Mannschaften haben eine Saison geschuftet und geschwitzt und am Ende entscheiden nun 90 Minuten, welche von beiden dafür belohnt wird. Heute ist es für mich kaum auszudenken, was das für ein Gefühl bei den Verlierer gewesen sein muss. Am Ende des Weges standen sie mit leeren Händen da. Ich hingegegen hatte in jedem Fall den Moment mit meinem Vater. An viel mehr kann ich mich gar nicht erinnern. Nur: Antenne, ORB, Vati, Energie Cottbus. Selbst, dass das Flutlicht zwischendurch ausfiel, hatte ich vergessen. Das Internet erinnert mich aber daran und schon fällt mir wieder ein, dass mein Vater diese Unterbrechung nutzte, mir zu erklären, dass die Lichtanlage neu sei. Die hatte man sich in Cottbus gegönnt, nachdem man im DFB-Pokal bis ins Finale vorgerückt war, was viel Geld bringt. Ich verstand, nickte und hielt es in meiner Zeit als Fußballmanager mit den Investitionen ähnlich, die ich später hauptberuflich am PC neben meinem Abitur ausüben würde. Ein prägendes Spiel.

Am 24. Mai 2018 tritt Energie Cottbus wieder in der Relegation an. Dieses Mal geht es um den Aufstieg in die 3. Liga, was unlogisch klingt aber in 21 Jahren passiert einiges. Einerseits Tröstliches: Gerald Asamoah, 1997 noch Verlierer, spielte fünf Jahre später WM und Dieter Hecking, ebenfalls Verlierer 1997, trainierte 18 Jahre später den VfL Wolfsburg in die Champions League und zum DFB-Pokal-Sieg. Außerdem stieg Hannover ein Jahr später ebenfalls in die Zweite Liga auf, damit musste keiner mehr traurig sein. Und für beide Mannschaften sollte dies auch nur ein Zwischenschritt sein. 2000 kam Energie in der Bundesliga an, Hannover zwei Jahre später. Hannover sollte in der Bundesliga sogar mal Vierter werden und sich damit für die Europa League (vielleicht hieß es da auch noch UEFA-Cup) qualifizieren. Heute würden sie mit diesem Tabellenplatz sogar Champions League spielen. Spätestens da war die Niederlage 1997 verwunden.

Aber in 21 Jahren passiert einiges und nicht nur Tröstliches. Fabian Ernst, auch Verlierer von 1997, spielte 9 Jahre später zu seiner Überraschung nicht WM. Cottbus ist seitdem zwar noch zweimal auf- aber auch viermal abgestiegen. Und selbst wenn alles anders gekommen wäre, wenn Energie Cottbus nicht viermal abgestiegen, sondern Vierter der Bundesliga geworden wäre: 21 Jahre später gibt es keine neuen Vater-Sohn-Momente mehr vor krisseligem Fernsehbild. Mich sollte das eigentlich nicht stören, ich hatte diesen Moment. Aber denke ich an die heute Zehnjährigen, überkommt mich ein nostalgiegetränktes Mitgefühl. Wie soll das gehen, so ein Moment ohne Krisselbild? Denn den Fernseher mit Antenne gibt es nicht mehr. Und könnte dieser noch empfangen: Den ORB gibt es auch nicht mehr, der heißt jetzt RBB und macht gemeinsame Sache mit denen aus Berlin.

Die Relegation für die 2. Liga spielen auch nicht mehr zwei Gleiche, sondern einer von oben gegen einen von unten. Der Zehnjährige in mir merkt an, dass das unfair ist. Immerhin: Das ZDF überträgt live. Aber Hauptprogramm, das ist nicht lauschig. Das ist kein Moment an den man sich 2039 erinnern wird. Aber ich denke zu negativ. Am 24. Mai 2018 krisselt es zwar nicht mehr, dafür puffert es. Denn der RBB erinnert sich an seine ORB-Wurzeln und überträgt live. Nicht im richtigen Fernsehen, dafür aber online im Stream. Vielleicht kann so auch heute irgendwo in Brandenburg ein Vater mit seinem Sohn vor einem Bildschirm sitzen und unterbrochen vom Puffern des Streams gemeinsam schauen sie zu, wie Weiche Flensburg und Energie Cottbus ausspielen, wer für über ein Jahr Schwitzen und Schuften belohnt wird. Der Zehnjährige versteht nicht viel aber er findet es gut. Und 2039 erinnert er sich.

Ich möchte meiner Erinnerung etwas Gegenwart verleihen und navigiere den Stream an. Leider liefert mein britischer Internetlieferant nicht genug vom Internet. Ich sehe auf das Puffer-Symbol und denke, dass Antenne und Krisselbild nicht nur schlecht waren. Und das in 21 Jahren so einiges passiert. Auf der anderen Seite Berlins guckt mein Vater wahrscheinlich gerade zu, wie Michael Kessler durch den Spreewald paddelt und er weiß dabei nichts vom Relegationsspiel. Weder von dem Spiel heute noch von dem 1997. Aber ich weiß es noch genau. Krisselbild, Vati und Energie.

In 21 Jahren passiert so einiges und manches passiert auch nicht: So wie ich den Flutlichtausfall vergaß, vergaß ich auch die rassistischen Ausfälle der Cottbusser Fans gegenüber Gerald Asamoah und Otto Addo. Erst das Internet rief sie mir wieder in Erinnerung. Vielleicht haben die Bananenwerfer von damals nicht verwunden, dass nicht sie es waren, die fünf Jahre später im WM-Kader standen. Und waren dann auch die, die vor einem Jahr im Babelsberger Stadion die 88 hissten. Aber vielleicht erinnern sie sich auch an den 5. Juni 1997 und schämen sich für ihren Moment.

Die Liebsten

Einer geht, viele bleiben
Erst die Trauer, dann das Treiben
Um eine Erinnerung vom Liebsten
Das füllt die Lücke auf im Herzen

Eben noch beim Leichenschmaus
Ist´s bald mit der Beherrschung aus
Ungefragt gibt jeder seine Antwort
Wen einer hier hatte am liebsten

Welche Antwort mag wohl stimmen
Fragt dann jeder einen Fremden
Denn Fremde kennen sich besser aus
Was dem einen war das Liebste

Dann wird gewogen und vermessen
Ein letzter Fremder macht ‘nen Spruch
So kommt noch mancher von vielen
Zu seinem Liebsten

Trinker

Er mag sie sehr
Sehnt sich nach ihr
Doch tut sie nicht gut
Er widersteht ihr mit Mut

Er öffnet sie wieder
Und legt sich danieder
Sie betäubt ihm die Sinne
Macht alles schöner, heller
wärmer

In diesen Höhen
Wünscht er kein Ende
Hoher Stieg, tiefer Fall
Zurück
Dreck

Krümmt sich
Bereut schon
Dieses letzte Mal
Auch wenn ich sie mag

Ostergedicht

Endlich wieder Weihnachten
Fest der Lichter, selten bin ich dichter

Glück und Lächeln überall
Wir alle lachen beim Freude machen

Und all die Leckerein
Dazu ein Wein, heute darf das mal sein

Niemals sollten sie enden
Diese Tage, von denen ich zu wenig habe

Horst

Nur ein Kind mit einer andern
Schon wirst du zu Hause nicht mehr berührt
Macht doch nichts – denkste dir zuerst
Wirst du eben einer, der Menschen führt

Zunächst läuft alles auch ganz gut
Auch wenn daheim keiner fragt wo du warst
Macht aber nichts – denkste dir noch
In der Zeitung ist es ja nachlesbar

Doch dann spielen sie mit dir Macbeth
Wagen es und sehen nicht wer da thront
Das macht dann was – Sehnst dich nach Haus
Zu der Frau, die jetzt nur noch bei dir wohnt

Dort sieht alles aus wie früher
Ist aber irgendwie anders, irgendwie fremd
Und dann hört man dich nur noch skandieren:
Heimat! Heimat! Heimat!

Beihilfe

Oskar kann nicht schlafen
Denn der Kopf tut weh
Denn der Kopf, der denkt

Beihilfe zum Mord
haben sie gesagt
Dreihunderttausend Mal
haben sie gedruckt

Doch ich tat eben das
ein andrer verkaufte Schnaps
Der andre ist in Rente
aber ich bin jetzt hier

Kaum achtzehn in der Partei
ging ich bald zum Totenkopf
Man holte mich gen Osten
und ich tat meinen Beruf

Sie gingen sterben
Ich zählte ihr Geld
Hätte ich es nicht
Hätte ein andrer

Doch darum liegt Oskar nicht wach
Denn zum andern kam der Säufer von allein
Die Sterbenden im Zug

Und der Kopf, der denkt
Kann es auch stimmen?
Dreihunderttausend Mal?

Man setzt sich

Ich hatte lang überlegt
Ob du dich mal setzt
Auf den Platz neben mir
Und ich freu mich – du hier

Dann sitzen wir da
Und es ist gut
Ein paar Worte von mir
Ein paar Worte von dir

Wir sitzen weiter so da
Da komm‘ Gedanken
Ich denke an dieses
Du aber an jenes

Dann setzt du dich weg
Das hat mich doch überrascht
Ich schau dir noch nach
Und freu mich nicht mehr